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30.08.2008

 

Seilerei Suppig - Firmenporträt
Seilerei Karl Suppig - Die Reeperbahn vom Simonshöfchen
Takelage auf einem Boot.
Takelage auf einem Boot.

Seilerei Suppig

Die Reeperbahn vom Simonshöfchen

 

Es gibt nicht viele Branchen, die in den "Gelben Seiten" einer Stadt nur noch mit einem einzigen Namen vertreten sind. Ein solcher Einzelfall ist die Seilerei Karl Suppig am Simonshöfchen 43 in der bergischen Metropole Wuppertal - an der äußersten westlichen Grenze der Schwebebahnstadt gelegen. Exakt auch am Ende des dortigen Industriegebietes - in Hörweite der Justizvollzugsanstalt. Aber nur dann, wenn die Bewohner Sport treiben.

 

Seilermeister Karl Suppig ist 98 Jahre alt. Bis vor wenigen Monaten hat er noch täglich in seinem Betrieb gearbeitet - jetzt wollen die Beine nicht mehr so recht und der alte Meister hat sich zur Ruhe und zum Lesen begeben. Ehefrau Emmi (immerhin auch schon 81 Jahre alt) ist unverändert noch täglich am Seil. Das Geschäft aber führt Karl-Anton Suppig, der 56-jährige Sohn. Schon als er 1966 in Düsseldorf die Gesellenprüfung ablegte, war er der Einzige seiner Zunft. Eine Innung gibt es nicht mehr, am Ende waren es ohnehin nur noch zwei Seiler, die dazugehörten.

 

1888 ist der Betrieb im oberschlesischen Konstadt gegründet worden, die Familie siedelte sich nach der Flucht und dem Krieg in Wuppertal an. 1962 folgte der Umzug zum jetzigen Standort im Stadtteil Vohwinkel. Karl Suppig: "Damals war hier nur Landwirtschaft und wir haben die Nachbarschaft von Fuchs, Hase, Rehen und Fasanen genossen." Seile wurden damals auch noch für die Landwirtschaft hergestellt - das alles hat sich weitgehend erledigt. Heute werden bei Suppigs Gerüststricke-und Bindestricke für die Industrie und den Bau hergestellt, auch der Stadtbetrieb Sport und Bäder deckt seinen Bedarf für die Leibesertüchtigung dort. Und natürlich geht im Bootsbereich und in der Schiffahrt nichts ohne Seile. Und schon sind wir bei der Reeperbahn.

 

Richtig: die trotz allem unverändert populärste Straße Hamburgs. Eigentlich war sie bei ihrer Gründung nichts Anderes als eine Straße, auf der die Seiler ihre Schiffstaue herstellten. Denn Reep, das ist die niederdeutsche Bezeichnung für ein Seil oder ein Tau- und eine Trosse Seil ist 220 Meter lang - eine Reeperbahn.

Die ist in St.Pauli zwischen Millerntor im Osten und Nobistor im Westen schon seit dem frühen 19.Jahrhundert allerdings über 600 Meter lang und sicher das bekannteste Amüsierviertel in diesem unserem Lande. Nicht nur wg. Hans Albers und seinem Gassenhauer "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins."

Das Grundmaterial für ihre Arbeit beziehen die seilenden Suppigs aus fernen Ländern: Sisal aus Madagaskar, Hanf aus Ägypten und Kunststoffe aus Portugal und Italien. Geboomt hat das Geschäft besonders noch einmal Anfang der 90-er Jahre - nach der Wende. Aber nicht, weil man im Osten des Landes besonders viele Seile benötigte. Karl Suppig: "In den Kombinaten der ehemaligen DDR lagerten Tausende von Tonnen Materialien, die dort nie mehr gebraucht wurden. Wir konnten sie deshalb günstig kaufen." Die betagten, aber unverändert bestens funktionierenden Flecht-und Spulmaschinen der alten Seilerei sind allerdings Wuppertaler Produkte, hergestellt bei der Firma Wilhelm Körting Nachfolger.

 

Vieles aber geht noch mit Handarbeit. Da heißen die entsprechenden Hilfsmittel Lehre und Speißnagel und wenn die Walldorfschule in Gruiten ihren Schülern alte Knüpftechniken vermitteln will, dann leihen Suppigs auch ihre alte Handflechtmaschine aus, die es auch einem Filmteam des WDR besonders angetan hatte, das sich vor einigen Jahren dort einfand.

 

Karl-Anton Suppig (der in Remscheid-Lennep wohnt und in seiner kargen Freizeit dort in einer Altherren-Mannschaft Fußball spielt) will seinen Beruf noch lange ausüben: "Seiler werden sehr alt. Weil sie immer soviel laufen müssen." Seine Eltern, die im kleinen Wohnhaus neben der Seilerei wohnen, leben es vor und irgendwie riecht es in der Lagerräumen bei Suppigs doch intensiv nach Seefahrt. Das zieht verwöhnte Nasen an, auch wenn es letztlich nur der Geruch von Hanf ist. Ein bißchen ist es aber auch die Sehnsucht nach der Ferne. Und wenn es nur der Gedanke an die Reeperbahn nachts um halb eins ist.

 

Klaus Göntzsche




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