15.01.2018

von B° RB

Georg Baselitz

IM BLICK: GEORG BASELITZ ZUM 80. GEBURTSTAG. STAATLICHE GRAPHISCHE SAMMLUNG MÜNCHEN IN DER PINAKOTHEK DER MODERNE. AUSSTELLUNGSDAUER | 23. JANUAR – 18. FEBRUAR 2018

Georg Baselitz, Kopf, 1961, Aquarell, 460 x 314 mm. Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Herzog Franz von Bayern

Anlässlich seines achtzigsten Geburtstags und Georg Baselitz zu Ehren präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München in der Reihe ihrer Studioausstellungen IM BLICK Meisterblätter aus zwei herausragenden Werkgruppen seines Schaffens.

Gezeigt werden aus dem weltweit einzigartigen Bestand der Sammlung von mehr als 1.100 graphischen Arbeiten des Künstlers auf der einen Seite frühe Hauptwerke aus der Serie „Helden“.

Fakten
AUSSTELLUNGSDAUER | 23. JANUAR – 18. FEBRUAR 2018

Pinakothek München

Sie geben einen Eindruck von Baselitz‘ radikal expressiver Zeichnungskunst in der Mitte der 1960er-Jahre und bestätigen seine hervorstechende Position innerhalb der figurativen Kunst der Moderne und Gegenwart. Auf der anderen Seite steht dem ein zweiter Höhepunkt mit Werken aus der jüngeren Zeit seines druckgraphischen Schaffens gegenüber. Aus dem singulären Münchner Bestand von 148 Probedrucken zu seinem berückenden Künstlerbuch „Malelade“ von 1990 sind exemplarische Blätter zu sehen, die Baselitz als virtuosen Techniker und brillanten Druckgraphiker ausweisen. Bestechende Farbradierungen von lyrischer Kraft begegnen in „Malelade“ den sprachlichen Experimenten des Künstlers, die sich zu einem kongenialen Epos der Moderne verdichten.
 
Mit „Helden“ schafft Georg Baselitz zwischen 1965 und 1966 zuerst in Florenz während seines Aufenthalts als Stipendiat in der Villa Romana und später in Westberlin eine in sich geschlossene Werkgruppe aus Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken. Sie umfasst rätselhafte Porträts, die über die Bildtitel als junge Helden, Rebellen, Partisanen, Hirten und Aufständische aber auch als junge Maler
auszumachen sind. Trotz ihrer überzeichneten massiven Körperlichkeit und ihrer zur Schau gestellten Virilität wirken sie inmitten apokalyptischer Landschaften geschunden und versehrt und alles andere als heroisch. In Melancholie versunken, kommen sie daher wie aus der Zeit gefallene märchenhafte Riesen, für die es in der Realität keinen Platz gibt – so nah sie uns auch in ihrer Wesenheit bis heute sind. Zum
Zeitpunkt ihrer Entstehung wurden sie als reinste Provokation empfunden, zeigten sie doch einen „Neuen Typ“ von „Helden“, der zum deutschen Wirtschaftswunder der 1960er-Jahre einen Anachronismus darstellt, wiewohl diese Jahre uns heute als eine Zeit des Vergessens und Verschweigens immer bewusster werden. Mit Sicherheit geht der „Neue Typ“ des „Helden“ – Alter Ego einer ganzen jüngeren
Künstlergeneration – seiner Zeit voraus, nimmt er doch in allen Widersprüchen der Bildsprache das politische Aufbegehren der 68er-Bewegung vorweg.
 
Das im Wendejahr 1989 entstandene Malerbuch „Malelade“ holt zeithistorisch weiter aus, blickt vor und zurück, wenn Baselitz die Wesenheit deutscher Geschichte und Geschicke thematisiert. Schon das Wortspiel des Titels „Malelade“ changiert zwischen den Extremen einer infantilen Idiotensprache, wie Baselitz es formuliert, und dem weitsichtigen intellektuellen Fazit eines „peintre maudit“ – eines im Sinne des französischen Existentialismus in die Welt geworfenen Künstlers. Fortlaufende rudimentäre Wortfetzen wie „Romantiker // kaputt“ oder „viel Nacht sein kommen“ sowie „sein wider Schutz // und ohne Kleid // dummer Junge Esel“ entwerfen einen Kosmos sinnstiftender und zugleich paradoxer Bezüge. Niemand anders als der Künstler selbst verbirgt sich hinter diesem Zwiegespräch.  
 
Die ungelenke brüchige Handschrift der radierten Schriftzüge forciert den Widerspruch semantischer und syntaktischer Ungereimtheiten einmal mehr und geht in den Motiven von Baselitz‘ dezidierter Ikonographie auf. Somit entwirft er ein facettenreiches Bild eines zerrissenen deutschen Sentiments, das nicht zur Ruhe kommt. Kein zweites Mal hat Georg Baselitz so sprach- und bildgewaltig den Ist-Zustand der „conditio humana“ der Moderne in der Druckgraphik auf den Punkt gebracht.
 
Zugleich ist diese Kabinettausstellung einmal mehr Reverenz an den langjährigen Förderer der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Herzog Franz von Bayern. Er zählt zu den frühen Sammlern von Georg Baselitz und ist bis heute dem Künstler eng verbunden.

Einzig seinen großzügigen Schenkungen ist es zu verdanken, dass der Graphiker Georg Baselitz in so erlesener Qualität in der Staatlichen Graphischen Sammlung München vertreten ist. Seinem Mäzenatentum und seiner bis heute anhaltenden Begeisterung für das stets sich wandelnde Werk Georg Baselitzʼ verdanken wir, dass bis heute der Werkblock graphischer Arbeiten für die Sammlung beständig komplettiert wird. 

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