12.09.2017

von B° RB

Kapselausstellungen

DER ÖFFENTLICHKEIT - VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST: Sarah Sze und Kapselausstellungen mit Polina Kanis und Oscar Murillo

Polina Kanis: Eggs, 2010, HD Video

Für die fünfte Ausgabe der Serie DER ÖFFENTLICHKEIT - VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST München schafft die amerikanische Künstlerin Sarah Sze die ortspezifische Installation „Centrifuge". Mit ihr bewirkt sie eine radikale Veränderung der Art und Weise, wie Besucher die Mittelhalle des Museums wahrnehmen und erleben. 

„Centrifuge" beginnt an einem Fixpunkt. Sze organisiert neu hergestellte und fertig gekaufte Objekte sorgfältig zu skulpturalen Gruppen. Diese Objekte, um die Mitte der Installation angeordnet, erinnern an subatomare Teilchen in einem Quantenfeld, und zugleich an die Umbildung von Zellen und Organismen in biologischen Strukturen. 

Zu Ballungen angeordnet, drängt das Material spiralförmig und dynamisch von innen nach außen und bringt das Wahrnehmungsfeld der Mittelhalle förmlich zum Explodieren. Dabei scheint die Installation gleichzeitig im Wachstum sowie im Zerfall begriffen. Und sie fungiert als ein Projektor, der die Decke beleuchtet und auch die umgebende Architektur mit flackernder Bewegung aktiviert. 

Sarah Sze gelingt es, dem Raum eine eigene Temperatur, ja sogar ein "eigenes Wetter" zu geben. In den Worten der Künstlerin: „Dein Geruchs-, Tast- und Geschmackssinn, alles könnte vielleicht eine leicht erhöhte Temperatur haben. Wie bewirkt man die Verschiebung von Sinneswahrnehmung? Wie schafft man ein Werk, das über allem eine Art Wetter erzeugt? Wir wissen, dass die Temperatur in einem Raum eine ganz große Rolle spielt." 

Die vom Haus der Kunst jährlich vergebene Auftragsarbeit DER ÖFFENTLICHKEIT wendet sich an eine Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die einen klaren und anspruchsvollen Weg eingeschlagen haben, der in einem bestimmten Karrierestadium künstlerische Exzellenz sowie weitere Entwicklungschancen erkennen lässt. Ziel ist es, Künstlerinnen und Künstler innerhalb eines internationalen Kunstdiskurses als herausragende Beispiele zu identifizieren. Die Serie wurde 2012 begonnen. 

Die Mittelhalle dient als öffentliche „Piazza", wo Besucher sitzen und lesen, einander treffen oder einfach Zeit verbringen können. Sie ist ein öffentlicher Knotenpunkt, von dem aus weitere Ausstellungsräume, der Buchladen sowie die Archiv Galerie zugänglich sind und der als Durchgang zum Café "Goldene Bar", zur Terrasse und zur Präsentation der Sammlung Goetz dient. Die Auftragsarbeiten sollen das Konzept des Öffentlichen in komplexer Weise ansprechen, und die Durchlässigkeit der Mittelhalle bewahren. Sarah Szes Installation breitet sich darin aus wie ein intimes, fesselndes Feld von magnetischer Anziehungskraft, in dem sich Maßstab, Schwerkraft und Zeit verwandeln. 

Sarah Sze wurde 1969 in Boston, Massachusetts, geboren und lebt und arbeitet in New York. Ihren Bachelor of Fine Arts schloss sie an der Yale University (1991) ab, ihren Master of Fine Arts an der School of Visual Arts (1997). Bald darauf entfaltete sie eine rege Ausstellungstätigkeit. 2013 repräsentierte sie die USA bei der Venedig Biennale. Institutionen wie u.a. das Museum of Modern Art, das Guggenheim Museum, das Whitney Museum of American Art und die Fondation Cartier haben Werke von ihr angekauft. Für das Massachusetts Institute of Technology, das Walker Art Center in Minneapolis, und den High Line and the Public Art Fund in New York hat sie Werke für den öffentlichen Raum geschaffen. 2016 gestaltete sie für die New York Metropolitan Transit Authority die U-Bahn-Station der 96th Street. Phaidon würdigte ihr Werk 2015 im Rahmen der Serie Contemporary Artists mit einer Monografie.

Kuratiert von Okwui Enwezor mit Damian Lentini.

Kapselausstellungen

Kapsel 07 / Oscar Murillo. Going Forth: The Institute of Reconciliation > Kapsel 08 / Polina Kanis. The Procedure

Vom 15. September 2017 bis zum 18. März 2018 zeigt das Haus der Kunst die vierte Ausgabe seiner Kapsel-Ausstellungen. Diese Reihe eröffnet Einblicke in gegenwärtige künstlerische Produktionen und Methoden. Sie bietet jungen, international aufstrebenden Künstlern mit einer markanten konzeptuellen Vision die Gelegenheit, eine neue Arbeit zu entwickeln und vorzustellen. In diesem Herbst wurden der aus Kolumbien stammende, in London lebende Künstler Oscar Murillo (1986) und die derzeit in Amsterdam lebende, russische Künstlerin Polina Kanis (1985) eingeladen. 

Oscar Murillo

In nur wenigen Jahren hat Oscar Murillo eine der aufregendsten Positionen der Gegenwartskunst entwickelt. Seine ursprüngliche Fokussierung auf die Malerei hat er durch die Integration von Videos, Zeichnungen, Drucktechniken, Skulptur, installativen und performativen Elementen wesentlich erweitert. 

Aufsehen erregend war seine Installation „Signalling devices in now bastard territory" auf der 56. Biennale von Venedig (2015). Dort verhängte er den Zentralpavillon mit einer Reihe schwerer schwarzer Leinwände. Diese waren im selben Jahr erstmalig bei einer Präsentation in Bogotá aufgetaucht. Raumgreifend und extrem dicht, bestehen diese Installationen aus schweren, teilweise zerrissenen und wieder zusammengenähten Leinenstoffen, beidseitig mit schwarzer Ölkreide und Ölfarbe bemalt. Sie sind auf Stahlkonstruktionen drapiert, die an Obduktionstische oder an die Gerüste von Stockbetten erinnern, oder wie an Wäscheleinen aufgehängt, die den Raum ihrerseits neu ordnen. Historische, ökonomische, gesellschaftliche und philosophische Assoziationsfelder sind gegenwärtig: Waagen, die an industriell gefertigten Haken montiert sind, repräsentieren ein System des Messens; ein Gemisch aus Ton und Mais setzt skulpturale Akzente, Lebenszeichen ähnlich. Boden, Wände und Blickachsen verbinden sich zu einer vibrierenden Raumkonstellation. 

Die Körperlichkeit der schwarzen Leinwände tritt vor allem dann hervor, wenn sie wie Tierkörper in einem Schlachthof an einem Punkt aufgehängt werden und in schweren Falten den Boden berühren. Im Haus der Kunst werden sie in unterschiedlicher Form präsentiert. Sie haben zahlreiche große Risse und erlauben kontrastreiche Durchblicke. Gewicht, Dichte und Schwärze werden durch diese Öffnungen nur noch deutlicher. 

Murillos schwarze Leinwände stehen in der malerischen Tradition von Kasimir Malewitschs „Schwarzem Quadrat" sowie der Black Paintings von Frank Stella, Robert Rauschenberg und Ad Reinhard. Weitere Referenzen für den Künstler sind David Hammons, Sam Gilliam und Jean-Michel Basquiat. Mit der Platzierung seiner Leinwände in freier Natur schlug Oscar Murillo vor kurzem eine neue Richtung ein: Die Undurchdringlichkeit und Undurchsichtigkeit kann nun auch als ein Zeichen der Integrität von Körper und Seele verstanden werden, als Ausdruck eines Zustands, welcher der Helligkeit und Aufladung mit neuer Energie vorausgeht. >

Am Eingang der Ausstellung empfängt ein Wandbild den Besucher, eine illusionistische Zeichnung von Arbeitern in einer Seidenfabrik. Einzelne Menschen stehen an gigantischen Maschinen. Die Darstellung steht in der langen Tradition der lateinamerikanischen Murales und zeigt die „Despotie der Fabrik" (Karl Marx) als ein erschöpftes System aus der Vergangenheit. Am Ende des Treppenaufgangs erst betritt man die eigentliche Installation, mit der man zugleich in der Gegenwart ankommt. 

Oscar Murillo arbeitet - gemeinsam mit der Produzentin und Politikwissenschaftlerin Clara Dublanc, seinen Eltern sowie Schülern im Alter von 10 bis 16 Jahren ausgewählter Schulen weltweit - an dem Langzeitprojekt „Frequencies". Hierfür werden Leinwände an den Tischen in Klassenräumen befestigt und die Schüler zu jedweder Form von Schreiben und Zeichnen animiert. Bisher haben sich über 10.000 Schüler aus 100 Schulen in 30 Ländern beteiligt. In München wurde das Projekt von Februar bis Juli 2017 in der Abtei Schäftlarn - Gymnasium der Benediktiner, der Erzbischöflichen Theresia-Gerhardinger-Mädchenrealschule, der Städischen Rudolf-Diesel-Realschule, Sabel Schulen sowie im Wittelsbacher-Gymnasium fortgesetzt. Die auf diese Weise entstandenen Leinwände werden in die Ausstellung aufgenommen. Am Aktionstag zu diesem Projekt, Freitag, den 29. September von 15 - 17 Uhr, berichten die beteiligten Schüler über ihre Erfahrungen. Parallel dazu besteht die Gelegenheit an einem offenen Workshop teilzunehmen, in dessen Verlauf ein raumgreifendes Wandbild aus zusammengenähten Leinwänden entstehen wird. 

Es erscheint ein Katalog, „Oscar Murillo", hrsg. von Anna Schneider, mit Beiträgen von María Belén Sáez de Ibarra, Emma Enderby, Okwui Enwezor, Oscar Murillo und Anna Schneider; Englisch, 282 Seiten; Haus der Kunst/David Zwirner Books; € 49,95 Museumsausgabe.

Kuratiert von Anna Schneider

Polina Kanis

Für ihre Ausstellung im Haus der Kunst hat Polina Kanis erstmals eine Dreikanalinstallation geschaffen. Damit erweitert sie ihre bisherige filmische Praxis. 

Die Protagonisten von Polina Kanis' bisherigen Filmwerken bewohnen geschlossene räumliche Systeme. Sie führen automatisierte und ritualisierte Handlungen aus, die von einer unsichtbaren Instanz gelenkt zu sein scheinen. Mit dieser Art Mikrokosmos drückt Polina Kanis ihr Interesse daran aus, wie architektonische Gegebenheiten Machtstrukturen begünstigten, Menschen beeinflussen und sogar pervertieren. 

Bereits in ihrem 2016 realisierten Projekt „The Shift" diente ein Museumsgebäude als Ausgangspunkt für Reflexionen über Gemeinschaft und Isoliertheit. Auch in ihrer eigens für das Haus der Kunst neu geschaffenen Installation „The Procedure" ist das Gebäude ein Museum, doch diesmal liegt es in Trümmern - es fiel einer nicht genauer benannten Katastrophe zum Opfer. Zwar werden Maßnahmen angestrengt um herauszufinden, was geschehen ist, doch bleiben diese vage und stumm. Alle Befragten antworten mit demselben Satz: „Ich habe nichts gesehen." 

Der Film führt den Betrachter in eine geteilte Welt. Das ehemalige Museum und der umgebende Wald sind zum Sperrgebiet geworden, die Zone und ihre Bewohner von der Außenwelt abgeschnitten. Die Personen dürfen die andere Seite erst nach einem Verhör an der Grenze betreten, und vielleicht auch nur dann, wenn sie Artefakte aus dem Museum - die sie ausgegraben, gesammelt und herausgeschmuggelt haben -, zum Tausch anbieten. 

Polina Kanis präsentiert die Filmsequenzen in zwei Projektionen und auf einem Monitor. Die Erzählstränge wandern in den 25 Minuten Spielzeit des Films von Leinwand zu Leinwand. Dabei gibt es sechs Hauptmotive: eine Straße im Wald mit einer Gruppe von frühherbstlich gekleideten Personen; Arbeiterinnen und Arbeiter, die nach der Katastrophe im Inneren des Museums Gegenstände ausgraben und in Plastiktüten verwahren; einen Wald, durch den ein junger Mann wandert; einen Korridor, der als Wartezimmer dient; einen spartanisch eingerichteten Raum mit mehreren Personen; Personen, die in diesem Raum verhört werden. 

In Ermangelung von Augenzeugenberichten wird zunächst das Gebäude selbst zum stummen Zeugen der Ereignisse. Während man die Logik dieses Geschehens zu enträtseln beginnt, versteht man, dass die Ereignisse, die diesen Zustand herbeigeführt haben, jedoch zweitrangig sind verglichen mit den Strukturen und Systemen, die in ihrer Folge entstanden sind. Ausgehend vom Gebäude erzählt Polina Kanis mit der für sie typischen Lakonie und Eindringlichkeit eine Geschichte über Ausgrenzung und mehrdeutige Zustände.

Kuratiert von Daniel Milnes

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