18.10.2017

von B° RB

Seth Price

Museum Brandhorst, München | Seth Price – Social Synthetic. Ausstellungslaufzeit: 21.10.2017 – 8.4.2018

Seth Price, Different Kinds of Art, 2004 (Detail), Vacuum-formed high-impact polystyrene, 48.5 x 34 x 3 inches, 12.2 x 86.4 x 7.6 cm

Das Museum Brandhorst präsentiert die international erste Überblicksausstellung des US-amerikanischen Künstlers Seth Price (*1973). Die mehr als 150 Werke umfassende Ausstellung zeigt Skulpturen, Filme, Fotografien, Zeichnungen, Malerei, Videos, Kleider und Textilien, Web-Design, Musik und Dichtung. Price dringt seit seinen künstlerischen Anfängen programmatisch in Territorien jenseits der bildenden Kunst vor. 

Fakten
Seth Price – Social Synthetic

Ausstellungslaufzeit: 21.10.2017 – 8.4.2018

Er greift die Produktions- und Vertriebsformen der Musikindustrie, der Modewelt und des Literaturbetriebs auf und nutzt ihre Dynamiken für seine Kunst. Dabei beschäftigt er sich mit den fundamentalen Veränderungen der visuellen Kultur, die mit der flächendeckenden Etablierung digitaler Medien der jüngsten Gegenwart einhergehen.

Seth Price gehört jener Zwischengeneration an, die noch vor der Etablierung des Internets geboren wurde und seine Ausbreitung in allen Schritten hautnah miterlebt hat: die ersten Computerspiele und -programme der 1980er-Jahre, die demonstrativ ihre pixeligen Ästhetiken zur Schau stellten; das Internet als Ort politischer Utopien der 1990er-Jahre, die in der neuen Technologie demokratisierende Potentiale vermuteten; und schließlich die alle Lebensbereiche durchdringende Digitalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch Web 2.0 und Smartphone. Die Digitalisierung fungiert ab 2001 zunehmend als Katalysator aufziehender gesellschaftlicher Krisen, vom „War on Terror“, der auch als Krieg der Bilder geführt wurde, bis zu den Krisen des Finanzsystems. Die künstlerische Praxis von Seth Price entwickelt sich entlang dieser Konflikte und der Begehrensmuster, die das Leben in einer globalen neoliberalen Gesellschaft antreiben.

Eines der zentralen Themen in Prices Arbeiten ist der bedrohte Status des Subjekts. Angesichts der dramatischen Umwälzungen einer mediatisierten Gegenwart zieht sich dieses Selbst zunehmend an seine Oberflächen zurück oder scheint in seiner Abwesenheit auf: die „Vacuum Forms“ (2004) zeigen in Kunststoff abgeformte Körperteile, die „Silhouettes“ (2007-09) greifen digitale Aufnahmen aus dem Internet auf, die intime Gesten menschlicher Verständigung – wie der Handschlag oder Kuss – nur noch als Negativraum fassbar werden lassen, und die im Untergeschoss des Museum Brandhorst gezeigten Leuchtkästen (2016-17) basieren auf fotografischen Studien menschlicher Haut, die sich auf kartographische Technologien der Firma Google stützen. Einige der Werke besitzen keine feste Form, sondern können je nach Raum und Kontext unterschiedlich installiert werden: Geknickt, gefaltet, ausgerollt oder zerknittert werden sie an Wände, Decke oder auf dem Boden platziert. Sie spielen nicht zuletzt auf die Flexibilität und Ortlosigkeit der digital zirkulierenden Bilddateien – im Falle der „Mylars“ (2005-06) handelt es sich um Stills aus dschihadistischen Propagandavideos – an.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke vermitteln ein Bild der emotionalen Landschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts. Wir sehen Fleisch und Haut, kommerzielle Logos, Abfall und Trash, Mode und Design, Verpackungen, Horrorbilder, leuchtende Screens, Humor und Brutalität, Computerspiele und Luxusobjekte. Einzelne Arbeiten besitzen inzwischen einen geradezu ikonischen Status. In seinen „Bomber Jackets“ etwa reflektiert Price den Mechanismus ständiger Reproduktion und Umwertung im digitalen Zeitalter. Während des 1. Weltkriegs für Piloten entwickelt, wurde die Bomberjacke bald zum Emblem konkurrierender Identitätsmuster. Als Modeartikel wurde sie zum Aushängeschild von Subkulturen wie der Punk- und Skinheadszene. Später wurde sie zum Signet von Hetero- und für Homosexualität, und erlebt in den letzten Jahren ein Revival sowohl als Massenware wie als Haute Couture. Festgefroren in ein Objekt, der linke Ärmel hängt schlaff herab, zeigt die „Bomber Jacket“ die Hülle menschlicher Präsenz, die zunehmend von kommerziellen Interessen und gesellschaftlichen Vereinnahmungen bestimmt wird.

„Seth Price – Social Synthetic“ ist eine Kollaboration des Museums Brandhorst mit dem Stedelijk Museum Amsterdam, wo die Ausstellung vom 15. April bis 3. September 2017 zu sehen war. Die Ausstellung wurde kuratiert von Achim Hochdörfer und Beatrix Ruf, Direktorin des Stedelijk Museum Amsterdam, in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler. Eine neue, eigens für die Ausstellung produzierte Werkserie schließt die im Jahr 2000 einsetzende Präsentation der vielseitigen und einflussreichen Praxis von Seth Price ab.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog mit Text-Beiträgen von Cory Arcangel, Ed Halter, Achim Hochdörfer, Branden Joseph, John Kelsey, Michelle Kuo, Arianne Reines, und einem Gespräch zwischen Rachel Kushner und Laura Owens erschienen (356 Seiten, ca. 400 farbige Abbildungen).

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