17.06.2017

von B° RB

Anselm Kiefer

Pinakothek der Moderne. Anselm Kiefer – Die Michael & Eleonore Stoffel Stiftung erwirbt fünf Werke für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen

Anselm Kiefer, Der Sand aus den Urnen, 2009, Acryl, Öl, Schellack, Sand und Kohlestift auf Leinwand, 280 x 570 cm

Anselm Kiefer, am 8. März 1945 in Donaueschingen geboren, hat mit seinem Schaffen das Schweigen über die deutsche Vergangenheit im Dritten Reich gebrochen und zugleich eine eindringliche Sprache für die weltweite Vernetzung menschlicher Zivilisation gefunden. Er dringt in alte heidnische, christliche, kabbalistische oder fernöstliche Überlieferungen, in die großen mythischen, religiösen und poetischen Schriften der Welt ein und verknüpft sie mit der aktuellen Erfahrungswelt. In der Pinakothek der Moderne bilden nun das monumentale Gemälde „Der Sand aus den Urnen“ (2009), die zwei auf Blei ausgeführten Wandbilder „OCCUPATIONS“ (1969/2011) sowie die zwei Vitrinen „Die 12 Stämme“ (2010) und „Morgenthau“ (2016) einen weiteren Höhepunkt im Sammlungsprofil. 

Fakten
ERÖFFNUNG | 20.06.2017, 19.00 UHR

Pinakothek der Moderne, München

„Der Sand aus den Urnen“ zeigt eine weitläufige, architektonisch unvollendete oder ruinenhafte Ansammlung von Backsteinen. Ist es das archäologische Feld eines ehemals grandiosen Bauwerks, das den Betrachter zurückführt bis ins alte Ägypten, nach Griechenland oder Mesopotamien? Handelt es sich um ein nicht fertiggestelltes Bauvorhaben unserer Gegenwart? Oder zeigt das Werk eine Backsteinfabrik, die fast den ganzen Bildraum ausfüllt? Kiefer selbst hatte während einer Reise in Südindien Mitte der 1990er-Jahre solche Produktionsstätten für die Ziegel indischer Neubauten als „wahren Schock“ erlebt, denn während des Herstellungsprozesses werden die Steine auf- und umgebaut, wobei einfache Gebilde wie Mauern bis hin zu komplexen Pyramidenformen gebildet werden, ohne dass mit diesen „Architekturen“ die überlieferten Funktionen verbunden wären. Die Gegenpole von Ordnung und Verwüstung, von Schöpfen und Zerstören, von Erhabenheit und Banalität machen den ständigen Wandel der Gesellschaft bewusst, in dem Gewissheiten nur temporären Bestand haben - ein Thema, das gerade in unserer heutigen Gegenwart eine bedrängende Brisanz hat. Der ins Bild notierte Titel „Der Sand aus den Urnen“ geht auf eine Gedichtreihe Paul Celans aus dem Jahr 1948 zurück, die später makuliert wurde. Die Reihe erschien 1952 in „Mohn und Gedächtnis“, das Gedicht mit dem Titel „Haus des Vergessens“ erinnert an das Werk der Sammlung: 

„Schimmelgrün ist das Haus des Vergessens. […]

Du füllst hier die Urnen und speisest dein Herz.“

Erinnerung, Bewusstsein und Ungewissheit, Zeit und Raum sind in „Der Sand aus den Urnen“ in endloser Spannung und Transformation. 

Mit den „OCCUPATIONS“ von 2011 bezieht sich Kiefer auf die eigene Fotoserie „Besetzungen“, mit der er 1969 bekannt wurde und einen Skandal hervorgerufen hat. Den Hitlergruß ausführend, fotografierte er sich damals an verschiedenen Stätten Europas: im Kolosseum in Rom, am Krater des Vesuv, in Küssnacht und Bellinzona und, wie in den jetzt erworbenen Bildern, vor dem Athena-Tempel in Paestum und an einem Standort zwischen Rom und Neapel. In geliehener, zum Teil pseudo-militärischer Kleidung erkundet er den verheerenden Machtanspruch der Nationalsozialisten. Kiefers „OCCUPATIONS“ simulieren Identifikation und sind doch der Versuch einer Katharsis von der Tragödie des „Tausendjährigen Reichs“. Die Werke sind nun in der Pinakothek der Moderne und damit in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft zum ehemaligen „Führerbau“, dem früheren Verwaltungsgebäude der NSDAP sowie den beiden „Ehrentempeln“ zu sehen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt worden und daher nur ruinenhaft erhalten sind. Mussten Passanten im Dritten Reich, als München „Hauptstadt der Bewegung“ war, vor den „Ehrentempeln“ die rechte Hand zum Führergruß erheben, taugt Kiefers provozierende Geste, wie der Künstler selbst herausstellte, nicht als „politisches Werkzeug“. Im Museum wird sie, wie Duchamps Urinoir, ins Gegenteil verkehrt. Sie wird praktisch unbrauchbar während sie die umfassenden Wahrnehmungs- und Reflektionsmöglichkeiten der Kunst ausschöpft. 2011 hat Kiefer seine Fotografien von 1969 mit Hilfe eines fotografischen Verfahrens auf Bleitafeln vergrößert. Durch eine Elektrolyse-Technik wurde dann auf diesen „OCCUPATIONS“ ein Korrosionsprozess eingeleitet. Das fotografische Motiv wird teilweise von Flecken der Verwitterung überlagert, die langsam aber sukzessive fortschreiten werden. Damit wird eine Form der zeitlichen Distanz erschaffen. Doch im langen Prozess des Auslöschens bleiben Historie und Erinnerung in einem Kontinuum erhalten. 

Auch die Vitrinen „Morgenthau“ und „Die 12 Stämme“ evozieren Erinnerungen an historische Ereignisse oder Überlieferungen und gehen doch weit über jede konkrete inhaltliche Bindung hinaus. Überdimensional große und doch täuschend echt wirkende goldene Ähren feiern in „Morgenthau“ die magische Kraft der Natur jenseits von Zeitgeschichte und doch erinnert der Titel an den Plan des amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau (1891-1967), der 1944, im Zuge des absehbaren Sieges der Alliierten, die Umwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat vorsah. Damit sollte langfristig die wirtschaftliche und militärische Kraft des Landes in Grenzen gehalten werden. In der Vitrine „Die 12 Stämme“ wirken zwölf kopfüber befestigte, monumentale Sonnenblumenskulpturen wie in einem hortus conclusus. Die mehrheitlich von Blei überzogenen und jeweils auf kleinen Etiketten mit den Namen der zwölf Stämme Israels gekennzeichneten Pflanzen scheinen vom Ende der Zeit zu künden, und doch sind aus den Blüten kräftige Samen auf den Vitrinenboden gefallen. Die Erneuerungskraft der Natur wie auch der jahrtausendealten Idee einer ursprünglich brüderlichen Verwandtschaft aller Menschen, die nunmehr durch Sprachen und Kulturen getrennt sind, wird hier zu einem hoffnungsvollen Bild. 

Durch die Neuerwerbungen der Werke Anselm Kiefers wird das bislang einzige Werk des Künstlers, „Nero malt“ (1974), aus der Sammlung des Wittelsbacher Ausgleichsfonds (ehemalige Sammlung Prinz Franz von Bayern), zu einem exemplarischen Werkkomplex erweitert. Dieser steht im Kontext umfangreicher Werkgruppen und/oder Künstlerräume weiterer prägender Künstler, namentlich Georg Baselitz, Joseph Beuys, Wolfgang Laib, Sigmar Polke, Arnulf Rainer und Dan Flavin, Donald Judd oder Andy Warhol. Dichte und Differenziertheit der Sammlung werden ebenso wie die internationale Sichtbarkeit der Pinakothek der Moderne durch die Erwerbung dieses Komplexes befördert.

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