23.03.2017

von B° RB

Blick unter die Schneedecke

Wie der Wintertourismus alpine Landschaften zerstört

Der aktuelle bayerische Symbolberg gegen weitere Lift- und Pistenerschließungen – das Riedberger Horn (Oberallgäu; 1787 m) – in der Zone C („Ruhezone“) des Bayerischen Alpenplans

Der alpine Wintertourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in den Alpen, gehört aber auch zu den größten Beeinträchtigungen unserer Gebirgslandschaften. Mit 30.000 Kilometern Länge umspannen die Skipisten der Alpen fast drei Viertel des Erdumfangs, 11.000 Lifte und Seilbahnen stehen bereits zur Verfügung. Dennoch sind alpenweit 164 neue Anlagen geplant, 10 davon in Deutschland. Das führt zu einer Überlastung der betroffenen Naturräume. 

„Die Spitzenreiter alpiner Landschaftsbelastung sind französische sowie österreichische Skigebiete. Besonders abträglich sind vor allem die Mega-Ski-Ressorts in hohen Lagen: Sie zerschneiden Ökosysteme, verkleinern den Lebensraum bedrohter Tier- und Pflanzenarten und verdrängen störungsempfindliche Wildtiere wie Birkhuhn, Auerhuhn, Gams und Schneehase“, fassen Christoph Himmighoffen, 1. Vorsitzender des Vereins zum Schutz der Bergwelt (VzSB) und Richard Mergner, Landesbeauftragter des BUND Naturschutz in Bayern e.V. (BN) die Ergebnisse einer aktuellen Studie von Alfred Ringler zusammen. Der renommierte bayerische Biologe hat mit der Studie „Skigebiete der Alpen: landschaftsökologische Bilanz, Perspektiven für die Renaturierung“ erstmals alpenweit die ökologischen Auswirkungen von vier Jahrzehnten Skitourismus untersucht und knapp 1.000 Skigebiete hinsichtlich ihres Ökologischen Fußabdrucks verglichen, die Konfliktsituation Skistationen – Biotopschutz am Beispiel der alpinen Moore quantifiziert und mit Karten illustriert. 

Für Bayern ergeben sich aus der Studie laut BN und Verein zum Schutz der Bergwelt insbesondere folgende Forderungen: „Wir brauchen klare Ausbaugrenzen für den Skitourismus gerade in Bayern. Sowohl aus ökologischen Gründen als auch aus Gründen des Klimawandels ist ein weiterer Ausbau der bayerischen Skigebiete nicht mehr akzeptabel. Daher müssen künftig die staatlichen Förderungen vermehrt in naturverträgliche Tourismuskonzepte gehen statt in Schneekanonen und weitere Aufrüstungen.“ Bestehende Grenzen wie der seit 45 Jahren bewährte Bayerische Alpenplan müssen eingehalten und Schutzgebiete frei von Erschließungen gehalten werden. 

In Bayern hat der seit 1972 bestehende Alpenplan der Bayerischen Staatsregierung die Anforderungen des Tourismus, der naturnahen Erholungsnutzung und des Freiraumschutzes relativ erfolgreich ausbalanciert. Der Alpenplan hat als wirksames raumplanerisches Instrument in der Ruhezone C in den letzten 45 Jahren weitere Neuerschließungen mit Berg- und Seilbahnen verhindert, worum Bayern von den anderen Alpenländern beneidet wird. Nun soll die Zonierung des Alpenplans am Riedberger Horn / Allgäu, der derzeitige Symbolberg gegen weitere Lift- und Pistenerschließungen, geändert werden. „Eingriffe am Riedberger Horn würden neben der erheblichen ökologischen Beeinträchtigung die bereits bestehenden geotechnischen Risiken für die Riedbergstraße und Balderschwang aufgrund der geologisch begründeten Labilität des Geländes verstärken, ganz abgesehen vom Zerschneidungseffekt des bisherigen Freiraums“, sagt Alfred Ringler. 

Mit dem Bau der Skiverbindung Riedberger Horn würde gemäß der Ringler-Studie ein zusammenhängendes Skigebiet Grasgehren - Balderschwang mit voraussichtlich 48 Belastungspunkten des Ökologischen Fußabdrucks entstehen (EFI Ecological Footprint Index nach RINGLER 2016). „Dieses stünde im Eingriffsranking der 102 Skigebiete der Bayerischen Alpen voraussichtlich an 3. Stelle nach der Zugspitze und dem Nebelhorn.“, ergänzt Alfred Ringler und merkt zu seiner Skigebiets-Studie an: „Die Skigebiets-Liste ist eine erstmalige Vorgangsweise und ein punktuell noch zu präzisierender Entwurfsvorschlag, dessen Merkmals- und Eingriffsbeschreibungen zu vervollständigen und laufend fortzuschreiben sind.“ 

Für den BN und den Verein zum Schutz der Bergwelt sind verbindliche und einheitliche Regeln zur nachhaltigen Raumplanung für den ganzen Alpenraum die wichtigste Konsequenz aus den Erkenntnissen der Studie. Zu einer verantwortungsvollen Raumplanung, mit der die Nutzung des Bodens vorausschauend organisiert und der Flächenverbrauch möglichst gering gehalten wird, gehören auch rechtsverbindliche Ausschlusszonen für den Ausbau. „Bereits existierende Zonenkonzepte wie z.B. in Bayern aufzuweichen oder zu revidieren, sendet die falschen Signale an die anderen Alpenpartner“, betonen Mergner und Himmighoffen in Anspielung auf Projekte wie am Riedberger Horn. Bestehende Zonenkonzepte müssen vielmehr für den gesamten Alpenraum bindend weiterentwickelt werden. 

Bergwelt im Stress: Erschließungsdruck auf unberührte Landschaften steigt

Die ökologischen Auswirkungen der Skigebiete hängen neben ihrer Größe vor allem von ihrer Lage im Bergmassiv ab. Alpenweit 55 Mega-Skigebiete in Frankreich (20), Österreich (17), Italien (10) und der Schweiz (8) ziehen sich über ganze Berge oder mehrere Bergmassive. Der Skibetrieb trifft dort auf sensibelste Ökosysteme, die sich von drastischen Eingriffen wie Grat- und Kammdurchbrüchen oder Sprengungen kaum oder überhaupt nicht mehr erholen können. Während die kleineren Skigebiete in Talnähe wegen der mangelnden Schneesicherheit alpenweit zunehmend aufgegeben werden, expandieren die besonders landschaftsschädlichen Groß-Skigebiete in empfindlichen Alpenhochlagen stetig weiter. Dort ist die ökologische Belastungsgrenze bereits überschritten. „Die wichtigsten Wander- und Ausbreitungskorridore alpenbewohnender Arten sind durch Mega- und Höhenskigebiete vielerorts empfindlich beeinträchtigt“, so Christoph Himmighoffen. In Bayern werden derzeit auch die relativ niedrig gelegenen Skigebiete noch stark ausgebaut.„Dies ist neben ökologischen Gründen besonders vor dem Hintergrund des Klimawandels eine Fehlentwicklung.“, stellt Mergner fest. 

Der Bau und Betrieb der Wintersportzentren betrifft fast alle Lebensräume und Arten in den Alpen und beeinflusst auch die Stabilität der Hänge. Dies kann Hangrutschungen und Muren auslösen beziehungsweise verstärken. „Pistenplanierungen, Zufahrtsstraßen, Waldrodungen und der aufwändige Bau von Beschneiungsanlagen haben unsere Gebirgslandschaften bis zur Unkenntlichkeit verändert“,gibt Mergner die Ergebnisse aus der Studie wieder. „Ganze Landschaften werden umgebaut, um die Pisten an die Bedürfnisse des Durchschnittsskifahrers und an die Erfordernisse der Beschneiung anzupassen. Wenn die alpinen Ökosysteme nicht über kurz oder lang zusammenbrechen sollen, braucht es Ausbaugrenzen für den Skitourismus. Besonders Anlagen in den höchsten Gebirgsregionen, in der Permafrostzone oder in Mooren und Quellgebieten dürfen in Zukunft nicht mehr bewilligt werden!“ 

Der anlagengestützte Wintertourismus setzt aber nicht nur die Zukunft alpiner Arten und wertvoller Lebensräume unverantwortlich aufs Spiel, sondern gefährdet auch wesentliche Ökosystemleistungen. Durch die Rodung von Bergwald und Latschenfeldern sowie die Bodenverdichtung auf den Pistenflächen steigt die Erosionsgefahr und leidet die Trinkwasserneubildung. Beschneiungsanlagen beinträchtigen den Wasserhaushalt der Skigebiete bis in die Tallagen hinunter. 

Wirtschaften im Einklang mit der Alpenkonvention statt Erschließungsspirale

Die aktuelle Studie wirft drängende Fragen zur ökologischen Sanierung und Renaturierung stillgelegter bzw. aufgegebener Skigebiete, Liftanlagen oder Speicherbecken auf. „Damit ehemalige Skiinfrastrukturen und ganze Hotelkomplexe, die dem Verdrängungswettbewerb zum Opfer gefallen sind, nicht als Ruinen stehen bleiben wie in Sestriere, Sarajewo oder St. Honorè, muss die Politik die notwendigen finanziellen Rahmenbedingungen z.B. in Form von Rückstellungen und Sicherheitsleistungen schaffen, um den erforderlichen Rückbau und die Renaturierung sicherzustellen“, unterstreicht Mergner abschließend. 

Die gesamte Studie „Skigebiete der Alpen: landschaftsökologische Bilanz, Perspektiven für die Renaturierung“ von Alfred Ringler wurde im Jahrbuch 2016/2017 des Vereins zum Schutz der Bergwelt publiziert und steht auf der Homepage des Vereins www.vzsb.de zum Download bereit.

Eine Zusammenfassung dieser Studie finden Sie auf der Homepage des Vereins zum Schutz der Bergwelt (www.vzsb.de) und auf der Homepage des BUND Naturschutz in Bayern. 

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