28.10.2012

von B° RB

Berliner Skulpturenfund

"ENTARTETE KUNST": Der Berliner Skulpturenfund von 2010. In der Pinakothek der Moderne in München

Edwin Scharff (1887-1955) Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes, 1917/1921, Zustand nach der Restaurierung 10/2010, Bronze, Höhe: 37,5 cm © Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker, Berlin

75 Jahre nach der Feme-Ausstellung »Entartete Kunst« zeigt die Neue Pinakothek den Berliner Skulpturenfund von 2010. Die Ausstellung veranschaulicht beispielhaft, wie Kunstwerke nach der von Adolf Hitler 1937 veranlassten Beschlagnahmung den Pinakotheken und anderen deutschen Museen verloren gingen und teilweise zerstört oder gewinnbringend verkauft wurden. Ziel war die flächendeckende Liquidierung und Verwertung »entarteter« Kunst.

Als dritte Station nach der 2010 im Neuen Museum in Berlin und 2012 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gezeigten Ausstellung wird der spektakuläre Fund nun in der Neuen Pinakothek gezeigt. Der Berliner Skulpturenfund ist besonders aufschlussreich und von größtem Interesse für die Provenienzforschung.

Fakten
"ENTARTETE KUNST"
DER BERLINER SKULPTURENFUND VON 2010

Eröffnung: 31.10.2012, 19.00
Ausstellungsdauer: 01.11.2012-28.01.2013

Die Beschlagnahmungen in München

Unter Leitung von Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste, beschlagnahmte die erste Kommission am 9. Juli 1937 in der Direktion der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 14 Gemälde und eine Plastik von Max Beckmann, Heinrich Campendonk, Karl Caspar, Lovis Corinth, Josef Eberz, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Emil Nolde, Hans Purrmann, Edwin Scharff, Georg Schrimpf, Karl Schmidt-Rottluff und Paul Thalheimer.

Die zweite Kommission, angeführt von dem Landesleiter der Reichskunstkammer von Franken und dem Landesleiter der Reichskammer von Bayern, beschlagnahmte am 25. August weitere 110 Werke aus den Depots der Alten Pinakothek, der Neuen Staatsgalerie am Königsplatz (heute Antikensammlung) und dem Bibliotheksgebäude des Deutschen Museums: Insgesamt 137 Arbeiten wurden von den Münchner Kommissionen 1937 konfisziert und am 29. Oktober mit drei Lastwagen an das »Haus der Kunst« in Berlin und an die Reichskammer der Bildenden Künste, Köpenickerstr. 24a in Berlin ausgeliefert.

Das Bronzebildnis »Anni Mewes«

Weniger als fünf Prozent davon konnten zurück gewonnen werden. Eines der Objekte aus dem Berliner Skulpturenfund von 2010 ist das seit 1939 vermisste Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes (1896-1980) von Edwin Scharff (1887-1955) aus der Sammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Das Bronzebildnis der damals erst 22-jährigen Schauspielerin war eine der populärsten Porträtskulpturen ihrer Zeit. Mewes trat bereits als 18-jährige am Lessingtheater in Berlin und an der Wiener Volksbühne auf. Otto Falkenberg holte sie an die Münchner Kammerspiele. 1918 ging sie an die Hamburger Kammerspiele und 1920 zu Max Reinhardt in Berlin. Ihr Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke wird heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München verwahrt. 1935 verließ Anni Mewes Berlin und nahm nach dem Tod ihres Ehemannes ihren Beruf wieder auf, spielte am Josefstädter Theater in Wien und ging mit Marianne Hoppe auf Tournee. Ihre Tochter Annemarie Herald, eine sehr erfolgreiche Künstleragentin, holte sie zu sich nach München, wo Anni Mewes 1980 fast 85jährig verstarb.

Die Geschichte des Berliner Skulpturenfundes

Die Skulpturen wurden bei Grabungen in der Rathausstraße, der ehemaligen Königstraße 50, gegenüber dem Roten Rathaus in Berlin gefunden. Im Vorfeld des Ausbaus der U5 vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor fanden seit Oktober 2009 archäologische Untersuchungen statt. Im Januar 2010 wurde bei der Freiräumung von Kellerböden ein auffälliger metallener Gegenstand geborgen, der nach einer ersten Reinigung wenige Tage darauf in der Werkstatt des Museums für Vor- und Frühgeschichte als Kunstwerk identifiziert wurde. Einige Wochen später stand fest, dass es sich um ein Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes von Edwin Scharff handelte. Die Tragweite des Fundes lag jedoch im Dunkeln, da der Einzelfund zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Hintergründe hätte haben können. Im August 2010 wurden in der Nordwestecke des Kellers weitere Bronze- und Terrakottaskulpturen entdeckt und ebenfalls ins Museum für Vor- und Frühgeschichte gebracht. Erst nachdem ein roter Terrakottakopf als Teil der Arbeit »Die Schwangere« von Emy Roeder identifiziert wurde, zeichnete sich die Verbindung zu der Aktion »Entartete Kunst« ab. Die Skulpturen wurden in einem kleinen Areal geborgen, das allerdings durch eine Kellerwand geteilt war. In einem Kellerteil konnte nachgewiesen werden, dass die Skulpturen deutlich oberhalb der Einrichtungsgegenstände des Kellers lagen, in dem anderen Raum waren keine Spuren der ursprünglichen Einrichtung nachweisbar. Dies legt nahe, dass die Skulpturen nicht im Keller aufbewahrt wurden, sondern aus einer der darüber liegenden Etagen herabgestürzt waren. Der Brand des Hauses ließ sämtliche Zwischendecken einstürzen.

Folgen der Aktion »Entartete Kunst«

Mit Erlass Adolf Hitlers vom 27. Juli 1937 wurden 19.500 Werke der »Verfallszeit«, wie die Nationalsozialisten die Moderne geißelten, aus allen Museen des Reichs, der Länder und Kommunen beschlagnahmt, in Depots verbannt, Devisen bringend verkauft oder zerstört. Die staatlichen Maßnahmen wurden nachträglich durch das »Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst« vom 31. Mai 1938 legalisiert.

Viele Werke sind bis heute nicht auffindbar. Die deutsche Museumslandschaft und ihre historisch gewachsenen Sammlungen wurden grundlegend verändert oder gar zerstört. In der Pinakothek der Moderne befinden sich heute 12 Gemälde von Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Lovis Corinth, Franz Marc und Karl Schmidt-Rottluff aus den »Herkunftsmuseen« in Leipzig, Essen, Stettin, Berlin, Mainz, Frankfurt, Halle und Königsberg (Kaliningrad), die anlässlich der Ausstellung mit einem gesonderten Icon >>!

Aktuelle Forschungen zur Aktion »Entartete Kunst«

Die Forschungsstelle »Entartete Kunst« an der Freien Universität Berlin rekonstruiert die Beschlagnahme moderner Kunst und erforscht das Schicksal der Werke. Sie entdeckte dank Hinweisen im Bundesarchiv ein Dokument wieder, das entscheidende Informationen enthält: In der Königstraße 50 lagerte das Reichspropagandaministerium offenbar beschlagnahmte Kunstwerke, nachdem sie von der Ausstellungstour »Entartete Kunst« nach Berlin zurückgeschickt wurden. Das Haus wurde im Frühsommer 1944 bei Bombenangriffen zerstört, die Skulpturen im Schutt begraben.

Die Forschungsstelle »Entartete Kunst« ist mit den weiteren Forschungen zum Fund befasst. Die recherchierten Ergebnisse werden abschließend in das »Gesamtverzeichnis der 1937 in deutschen Museen beschlagnahmten Werke der Aktion ‚Entartete Kunst« eingespeist. Die Datenbank umfasst Angaben zu Künstlern, Objekten, Herkunftsmuseen, zur Beschlagnahme, den Lagerorten, Händlern und Käufern sowie historische und aktuelle Abbildungen und bietet umfassende Informationen zum Werk betroffener Künstler, zur Sammlungsgeschichte der Museen und dem Kunsthandel im »Dritten Reich«.


Eine Ausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle »Entartete Kunst« der Freien Universität Berlin, für die Münchner Station ergänzt um Werke aus dem Bestand der Pinakothek der Moderne und historische Quellen.

Kuratorin der Münchner Station: Andrea Bambi

Künstler: Otto Baum, Karl Ehlers, Otto Freundlich, Richard Haizmann, Karl Knappe, Will Lammert, Marg Moll, Karel Niestrath, Emy Roeder, Edwin Scharff, Naum Slutzky, Milly Steger, Gustav Heinrich Wolff und Fritz Wrampe

Publikationen:

Matthias Wemhoff: Der Berliner Skulpturenfund. »Entartete Kunst« im Bombenschutt. Regensburg 2011

Der Berliner Skulpturenfund. »Entartete Kunst« im Bombenschutt. Entdeckung – Deutung – Perspektive. Begleitband. Hrsg. von Matthias Wemhoff in Zusammenarbeit mit Meike Hoffmann und Dieter Scholz. Begleitband zur Ausstellung mit den Beiträgen des Berliner Symposiums. Regensburg 2012

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