12.09.2018

von B° RB

Jörg Immendorff

"Für alle Lieben in der Welt". Ausstellung im Haus der Kunst München vom 14. September 2018 bis 27. Januar 2019

Jörg Immendorff: "Die Lidlstadt nimmt Gestalt an", 1968, Kreide auf Holz, 70 x 90 cm

Die Ausstellung schlägt den vollständigen Bogen von Immendorffs Anfängen an der Akademie über die gesellschaftspolitisch-agitatorische Werkphase der 1960er bis frühen 1980er-Jahre hin zu den allegorisch verschlüsselten Gemälden der letzten Schaffensperiode. Statt streng der Chronologie zu folgen, sind die nahezu 200 Werke und Skulpturen in dieser Retrospektive in Kapitel gegliedert und zeigen so die entscheidenden Schwerpunkte der Werkentwicklung. 

Das Gemälde eines Babys mit roter Haut und Blumenstrauß aus dem Jahr 1966 gab der Ausstellung den Titel: „Für alle Lieben in der Welt". Es ist Teil einer umfangreicheren Serie, die Babies unterschiedlicher Herkunft zeigt, pausbäckig und lachend, auf Einfachheit getrimmt „als Zeichen für Liebe und Frieden" (Jörg Immendorff). 

Mit seiner damaligen Lebensgefährtin Chris Reinecke verwirklichte Immendorff (1945-2007) von 1968 bis 1970 unter dem Etikett „Lidl" neodadaistische Kunstaktionen. Für „Lidl" - ein Fantasiebegriff der, mehrmals wiederholt, das Geräusch einer Babyrassel nachahmt - luden Immendorff und Reinecke in einen angemieteten Ausstellungsraum in der Düsseldorfer Altstadt und führten Happenings auf. Bei einer dieser Aktionen beschoss Immendorff, bekleidet mit Babymaske und Höschen, aus einer Pappkanone das Publikum mit Papierkügelchen, die Botschaften trugen wie „hapmi lieb", oder auch, erneut, „Für alle Lieben in der Welt". 

Die Provokation bestand genau darin, dass Immendorff und Reinecke mit „Lidl" den Themen Vietnamkrieg, Wettrüsten, Atomkraft und Umweltaktivismus, mit denen die Studentenrevolution atmosphärisch aufgeladen war, etwas betont Kindliches, Verspieltes entgegenhielten. Hinter dieser vermeintlichen Naivität gab es konkrete Bezüge zum Zeitgeschehen. Mit „Sport-Lidl"-Wettkämpfen beispielsweise protestierten Immendorff und Reinecke 1969 gegen die Olympischen Spiele, die 1972 in München ausgetragen werden sollten: Reinecke in der Disziplin Weitsprung, Immendorff in 100-Meter-Lauf. 

Während seiner Ausbildung an der Akademie in Düsseldorf erfuhr Immendorff besondere Förderung durch Joseph Beuys, der dem erst zwanzigjährigen Schüler eine Ausstellung bei Schmela in Düsseldorf vermittelte. Immendorff seinerseits war von „seinem Professor, dessen Ausstrahlung, dem von ihm propagierten Freiheitsbegriff und dessen Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft der Kunst tief beeindruckt" (Harald Szeemann) und brachte dies in seinen Gemälden durch Bezüge zum Beuys'schen Werk zum Ausdruck („Kleine Reise Hasensülze", 1990). In dem 1978 begonnenen Zyklus „Café Deutschland", der auf 19 großformatige Gemälde anwuchs, ist Beuys selbst präsent, ebenso andere bekannte Persönlichkeiten aus Ost und West, samt ihren jeweiligen Machtsymbolen. Diese Szenen mit Bertold Brecht, Helmut Schmidt, Erich Honecker und A.R. Penck in einem Café als utopischer Begegnungsstätte leuchtete Immendorff dramatisch aus wie expressionistische Theaterstücke. 

Politisch motivierte Gemälde bilden einen weiteren Komplex der Ausstellung. Sie spielen ebenfalls mit formalem Dilettantismus und enthalten direkte Aussagen zum politischen Tagesgeschehen der Bundesrepublik. Der Mauerfall würde sich nicht durch die Politik herbeiführen lassen, sondern müsse durch das Volk angestoßen werden, glaubte Immendorff. In seinem Werk hatte er die ‚Naht‘ zwischen Ost und West zum Thema erhoben. Am 9. November 1989 wurde dieser Teil seines Werks über Nacht historisch. Immendorff avancierte zum visionären Maler der deutschen Teilung und Wiedervereinigung. >

Themen und Tonlage ändern sich mit einer 1998 diagnostizierten Nervenkrankheit, die Immendorff auch zu einer veränderten Malweise brachte; er führte zuletzt den Pinsel nicht selbst, sondern die Regie über die Bildgestaltung. Seine Frau Oda Jaune, selbst eine bekannte Künstlerin, sagt über diese Entwicklung, Immendorff habe zwei Hände verloren, jedoch acht gewonnen. In diese Phase gehören Schlüsselwerke wie „Letztes Selbstporträt I - Das Bild ruft" (1998), das Hans Baldung Grien entliehene Vanitas-Motiv einer auf zwei Weltkugeln balancierenden Läuferin („Ohne Titel", 2000) und „Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt" (2007). Aus dem Spätwerk sind die politischen und gesellschaftlichen Botschaften allmählich entwichen. >

Die Ausstellung eröffnet am 13. September um 19 Uhr mit einem Grußwort von Prof. Dr. med. Marion Kiechle, Bayerische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, einer Eröffnungsrede von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder, der sich von Immendorff für die Ahnengalerie der deutschen Bundeskanzler im Berliner Kanzleramt porträtieren ließ, und einer Einführung von Dr. Ulrich Wilmes, Hauptkurator am Haus der Kunst. 

Der Katalog erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König; mit einem Vorwort von Okwui Enwezor und Ulrich Wilmes, Beiträgen von Manuel Borja-Villel, Johanna Adorján, Danièle Cohn und Feridun Zaimoglu, sowie dem Reprint eines Texts von Harald Szeemann. 26 x 30 cm. 440 S. mit 120 farbigen Abbildungen, gebunden, 49,80 €. 

Die Ausstellung ist anschließend im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid zu sehen (29. Oktober 2019 - 13. April 2020). 

Programm zur Langen Nacht der Museen am Samstag, den 20. Oktober 2018, 14 - 17 Uhr (Einstieg durchgehend möglich): Immendorffs Lidl-Akademie

Mit unterschiedlichen Mitmach-Stationen zu den Themen „Klotz am Bein" (Was bremst dich?), „Tanz-Aktion-Wort", persönlicher „Statement-Stab" und eigenes „Protest-Plakat" sowie einem Wettrennen - jeder mit seinem Klotz am Bein. Für Kinder von 4 - 14 Jahren und ihre Familien. Eintritt mit dem Lange-Nacht-Ticket oder mit dem Lange-Nacht-Kinderprogramm-Ticket

19.30 Uhr Überblicksführung

20.30 Uhr Ausstellungsführung Immendorf

21.30 Uhr Crashkurs zeitgenössische Kunst

Mittwoch, 28. November 2018, 20 Uhr

Lesung aus „Ich, Immendorff - 100 fliegende Zettel" mit Feridun Zaimoglu 

Weitere Termine werden noch bekannt gegeben.

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