29.01.2020

von B° RB

Design-Ästhetiken

Haus der Kunst München: Kapsel 11 - Sung Tieu. Zugzwang. Kapsel 12 - Monira Al Qadiri. Holy Quarter. Vom 31.1. bis 21.6.2020. Südgalerie. Kuratiert von Damian Lentini (Kapsel 11) und Jana Baumann (Kapsel 12)

Sung Tieu: "Remote Viewing", installation view at Nha San, Hanoi, 2017

Mit diesem experimentellen Ausstellungsformat stellt das Haus der Kunst jeweils zwei neue künstlerische Produktionen vor, die eigens hierfür entwickelt werden. 

Die deutsch-vietnamesische Künstlerin Sung Tieu (geb. 1987 in Hai Duong, Vietnam) untersucht die psychologischen Auswirkungen von Verwaltungsapparaten und die Politik der daraus resultierenden Design-Ästhetiken. 

Die raumgreifende Installation aus Klang und Skulptur besteht aus Regalen und Tisch-Konstruktionen aus Edelstahl, die für verschiedene Regierungsbehörden und Haftanstalten produziert werden. Mal intim, dann wieder bombastisch fügt sich eine Sound-Installation in diese skulpturale Inszenierung ein: Alltagsgeräusche aus verschiedenen Städten und Büros sowie Impressionen bekannter Melodien von Richard Wagner ergeben eine Tonlandschaft, deren Quelle verborgen ist. Die Installation schafft einen Raum der Instabilität und legt offen, wie Regierungen führender Industrienationen das Prinzip „form follows function“ pervertiert haben, um zivilen Ungehorsam gegen den bürokratischen Apparat im Keim zu ersticken. Anlässlich der Ausstellungen im Haus der Kunst sowie bei Nottingham Contemporary erscheint ein Katalog.

Mit Monira Al Qadiri (geb. 1983 in Dakar, Senegal) widmet das Haus der Kunst einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Golfregion die Kapsel 12 in der Südgalerie. Sie produziert hierfür neun Skulpturen sowie einen neuen virtuosen Film, „Holy Quarter“, gedreht in der weltweit größten Wüstenregion „Empty Quarter“ zwischen Saudi-Arabien, Oman und Jemen.

Al Qadiri zählt zu einer Generation, der die rasante Transformation des jungen Nationalstaats Kuwait – von ältesten Lebensformen über die seit den 1960er-Jahren massiv geförderte Ölwirtschaft hin zu einem wichtigen Akteur der Geopolitik – in die Biografie eingeschrieben ist. Ihre Arbeit nimmt in den Bildenden Künsten die Rolle eines Seismografen für eine zwangsglobalisierte Welt ein.

Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit befasst Al Qadiri sich mit der Zerrissenheit als einer Folge von Wohlstand, repressiven Religionsvorstellungen und magischem Denken. Sie widmet sich wirtschaftspolitischen Missständen, den Widersprüchen von konservativen Strukturen und von neuen Technologien forcierten gesellschaftlichen Zukunftsvisionen.

Mit „Holy Quarter“ sucht sie nach einer fehlenden empirischen Gewissheit und wählt erstmalig mythenumwobene Orte wie die Majlis Al Jin Höhle – auch „Treffpunkt der Geister“ genannt, um sich der Erzählungen der Ahnen wieder zu bemächtigen. Jenseits westlicher Vorstellungen von Modernität konfrontiert sie den Betrachter mit einem raumzeitlichen Delirium. Die Wüste als einer der ältesten und unberührtesten Lebensräume dient Al Qadiri als Ort der Spurensuche nach dem Sinn der Existenz. Im Meteoritenkrater Al Wabar findet sie „Wabar Pearls“, wunderschöne schwarze leuchtende Steine, die durch die Hitze aufschlagender Meteoriten in den Sand entstehen, woraus sie ihre neunteilige Werkgruppe von Glasskulpturen ableitet. Ihre perlenartige Form erinnert an die Zeit, in der Perlentauchen einst der Hauptwirtschaftszweig Kuwaits war, und ihre Farbe an die von Öl – ein Quantensprung, den Monira Al Qadiri „Alien Technology“ nennt. Mit „Holy Quarter“ schafft die Künstlerin ein intermediales Projekt, das Musik, Sprache und bildgewaltige Szenen ihrer Heimat miteinander verwebt und den Nerv globaler Fragestellungen trifft.

Passend zum Thema

Im Alten Rathaus Bamberg endet am 3. November 2019 die viel beachtete Ausstellung "transluzent"

Dauerausstellung: Kunst und Kultur vom 16. bis 18. Jahrhundert im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Nachts. Zwischen Traum und Wirklichkeit. Sammlung Goetz im Haus der Kunst in München

Mehr aus der Rubrik

Franz Erhard Walther im Haus der Kunst München, Ostflügel: Shifting Perspectives vom 6.3. bis 2.8.2020

Sammlung Goetz im Haus der Kunst München. Ehemaliger Luftschutzkeller. Dauer: 31.1. bis 28.6.2020. Kuratiert von Jana Baumann

Cyrill Lachauer. I am not sea, I am not land. Sammlung Goetz im Haus der Kunst München, Ehemaliger Luftschutzkeller. Dauer: 24.7.2020 – 10.1.2021. Kuratiert von Cornelia Gockel und Susanne Touw

Teilen: