06.03.2019

von B° RB

El Anatsui

Haus der Kunst München: El Anatsui - "Triumphant Scale". 8. März - 28. Juli 2019

El Anatsui: Earth-Moon Connexions, 1993, Wood, Tempera, 35.4 x 33.2 x 1.2 inches (90 x 84,4 x 3 cm)

El Anatsui, Haus der Kunst, 2019

Diese bislang größte Überblicksausstellung zum Werk von El Anatsui im Ostflügel des Haus der Kunst zeigt zentrale Werke aus fünf Jahrzehnten künstlerischen Schaffens. Dabei fokussiert die Ausstellung das Triumphale und Monumentale. Im Mittelpunkt stehen die typischen Arbeiten aus Kronkorken von imposanter Präsenz und schillernden Farben. Neben diesen herausragenden Werken aus den letzten zwei Dekaden zeigt die Ausstellung Holzskulpturen und Wandreliefs von Mitte der 1970er- bis zu den späten 1990er-Jahren, wie auch bedeutende Keramikskulpturen aus dem Frühwerk, sowie Zeichnungen, Drucke und Bücher. 

Fakten
Haus der Kunst München

El Anatsui. Triumphant Scale.

8. März - 28. Juli 2019

Das Gesamtwerk von El Anatsui belegt eindringlich die unermüdliche Beschäftigung des Künstlers mit der Frage, wie aus den reichhaltigen plastischen Innovationen klassischer und traditioneller afrikanischer Kunst ein zeitgenössisches Skulpturkonzept entwickelt werden kann. Beharrlich hat El Anatsui auf eine Transformation der formalen und plastischen Möglichkeiten des afrikanischen skulpturalen Idioms hingearbeitet und sein Material und seine Kompositionstechniken immer wieder neu formatiert. Die frühen kleineren, mit gekratzten Markierungen versehenen Holzreliefs und zerbrochenen Keramikformen standen neben monumentalen Zementskulpturen unter freiem Himmel. Heute verwischen seine berühmten Metallskulpturen – ebenso wie frühere Traditionen afrikanischer Kunst – die Grenzen zwischen Skulptur, Plastik, Malerei und Assemblage. Unter El Anatsuis Händen verschmelzen Licht, Form, Farbe, Transparenz und Körperlichkeit zu spektakulären, inspirierenden und triumphalen Kunstwerken. 

Der Einsatz von negativem Raum, Fragmentierung als Struktur und metaphorische Überlegungen sind für die Broken Pot-Serie der 1970er-Jahre kennzeichnend. Die Arbeiten aus Holz und Terrakotta, ebenfalls aus dem Frühwerk, stellen eine Intimität her, weniger durch ihre verhältnismäßige Kleinheit als vielmehr durch die eingeritzten Markierungen, die von den Adinkra-Zeichen der Akan inspiriert sind, oder indigene afrikanische Schreibsysteme grafisch heraufbeschwören (das Uli der Igbo, das Nsibidi der Efik, die Bamun- und Vai-Schriften). Gestisches Markieren mit der Elektrosäge charakterisiert die in Holz ausgeführten Werke der späten 1980er- und 1990er-Jahre. Die ab etwa 2000 entstandenen Metallskulpturen schließlich überwältigen den Betrachter durch ihre imposante Größe, ziehen aber ebenso durch einen Mikrokosmos eigenständiger Details in Bann. 

In El Anatsuis Werk ist die Verwendung von gefundenem Material von grundlegender Bedeutung. Die abgenutzten Oberflächen der verwandelten Objekte wirken zunächst wie eine Meditation über Vergänglichkeit. Jedoch erweitert El Anatsui die Möglichkeiten im Medium Skulptur fundamental. Er reagiert auf jedes Material, „als habe er es eben erst im Fluss von Zeit und Geschichte entdeckt“, so Okwui Enwezor. „Ich habe mit vielen Materialien experimentiert. Ich arbeite auch mit Material, das viel Berührung und Verwendung durch Menschen erlebt und erfahren hat ..., und diese Arten von Material und Arbeit sind stärker aufgeladen als bei Materialien/Werken, bei denen ich mit Maschinen gearbeitet habe. Kunst erwächst aus jeder spezifischen Situation, und ich glaube, Künstler sollten besser mit dem arbeiten, was ihre jeweilige Umgebung gerade bereitstellt.“ El Anatsui, 2003

Durch Material stößt Anatsui den Bedeutung generierenden Prozess an. Kritik formuliert er subtil. So stammen etwa sämtliche Kronenkorken, die er verwendet, von Whisky und Rum. Beide Getränke hatten in der Zeit des Kolonialismus große Bedeutung. Sie dienten auch als Zahlmittel, zum Beispiel im Sklavenhandel.

Das Schneiden, Flachschlagen, Zusammendrücken, Drehen, Falten und Zusammenfügen von Tausenden von Kronkorken, ebenso wie das Verdrillen von Kupferdraht zu schlanken Tentakeln, die später die Einzelteile einer Arbeit miteinander verweben, erzählt von der Verbindung zwischen manueller Arbeit und Denken und betont auf diese Weise die Schönheit und Symbolkraft des Materials. 

El Anatsuis Werk ist geprägt von den philosophischen und ästhetischen Diskursen von Kunst und Literatur im postkolonialen Afrika, sowie von deren Wechselspiel. 1962 fand die maßgebliche „Conference of African Writers of English Expression“ im Makarere University College in Kampala, Uganda, statt. Dort wurde neue afrikanische Literatur diskutiert. Die Zusammenkunft schrieb Geschichte. Angereist waren Autorinnen und Autoren, die später weltberühmte Schriftsteller/innen und Literaturkritiker/innen wurden, militante Nationalisten, die europäische Sprachen als Medium für afrikanische Literatur ablehnten, bis hin zu Internationalisten, die globale literarische Traditionen durchaus als Inspiration betrachteten. Allen Gruppen war gemein, dass sie die westliche Moderne nicht passiv als einziges Vorbild für die neue afrikanische Literatur akzeptierten. El Anatsui war damals 18 Jahre alt; die Debatten in Kampala waren für seinen Werdegang prägend. Es gab auch konkrete persönliche Verbindungen: Führende Stimmen in Kampala, etwa Chinua Achebe, Wole Soyinka und Christopher Okigbo, waren Mitglieder im Mbari-Club in Ibadan, in dem Schriftsteller und visuelle Künstler zusammenkamen. Der Bildhauer Vincent Kofi war Anatsuis Mentor; Uche Okeke lud El Anatsui später nach Nsukka ein. 

Ortspezifische Werke für das Haus der Kunst

Mit drei eigens für diese Ausstellung entwickelten Arbeiten antwortet El Anatsui auf die Monumentalarchitektur des Museums: „Second Wave“, „Gli“ und „Rising Sea“. „Second Wave“ ist eine monumentale Installation an der Fassade des Gebäudes. „Gli“ besteht aus ca. 65 Einzelteilen aus Aluminium und Kupferdraht und wurde für den größten Saal konzipiert. Das Werk bildet eine Art begehbares Labyrinth. Durchblicke ergeben sich, ebenso wie Achsen, Spiele von Licht und Schatten. Die weiße Großplastik „Rising Sea“ bezeichnet El Anatsui als „hängende Skulptur“. Die Architektur des Haus der Kunst fasziniert den Künstler – ihrer Starrheit begegnet er mit Werken, die keinen einzigen 90°-Winkel aufweisen. 

Für „Second Wave“, die Installation an der Außenfassade des Haus der Kunst, kommen mehrere tausend Offsetdruckplatten zum Einsatz. Sie stammen aus einer Münchner Druckerei, in der eine große Tageszeitung hergestellt wird, sowie einer Druckerei in Bozen, die Bücher für einen Kunstverlag produziert. Die Druckplatten wurden gefaltet, gedrückt, überlagert, vernietet, gebogen, gewölbt und verschweißt. Dem Prinzip der Häufung folgend, entsteht auf diese Weise eine autonome ästhetische Form am Schnittpunkt von Handwerk und Alltag: 22 Paneele, jeweils zehn Meter hoch und vier Meter breit, durch Brückenelemente verbunden. „‘Second Wave‘ vereint eine starke Körperlichkeit und visuelle Eindringlichkeit mit struktureller Unbestimmtheit. Mit ihrem metamorphen Wesen beschwört die Installation die beliebte afrikanische Lebensregel ‘kein Zustand ist permanent‘“, sagt Okwui Enwezor. 

Eine Ausstellung des Haus der Kunst, München. Kuratiert von Okwui Enwezor und Chika Okeke-Agulu, Professor am Department of Archaeology and Art History der Universität Princeton, mit Damian Lentini. 

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die wesentliche Förderung der Art Mentor Foundation Lucerne. Wir danken ferner der großzügigen Unterstützung eines anonymen Mäzens und der zusätzlichen Unterstützung der Jack Shainman Gallery, New York, Kavita Chellaram sowie Reni Folawiyo. 

„El Anatsui. Triumphant Scale“ reist weiter zum Mathaf Arab Museum of Modern Art, Doha (1. Oktober 2019 bis 2. Februar 2020), zum Kunstmuseum, Bern (13. März bis 21. Juni 2020) sowie ans Guggenheim Museum, Bilbao (17. Juli bis 1. November 2020). Bei Prestel erscheint ein Katalog mit 320 Seiten, Abbildungen aus dem Archiv des Künstlers sowie Beiträgen der beiden Kuratoren. 

Biografie

Nach einer Bildhauerausbildung an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Accra von 1965 bis 1969 unterrichtete El Anatsui (*1944, Anyako, Ghana) am Specialist Training College in Winneba, Ghana. 1975 zog er nach Nigeria und unterrichtete dort vier Jahrzehnte lang Skulptur und Grundkonzepte der Gestaltung an der University of Nigeria in Nsukka, bis er 2014 emeritiert wurde. Als Mitglied des Aka Circle of Exhibiting Artists und als führende Persönlichkeit der Kunstakademie von Nsukka hat Anatsui in fünf Kontinenten seine Arbeit ausgestellt.

Zu seinen zahlreichen Einzelausstellungen gehören Wooden Wall Plaques, Asele Art Gallery, Nsukka, Nigeria (1976); Broken Pots: Sculpture by El Anatsui, Institute of African Studies, University of Nigeria, Nsukka (1979); Venovize: Ceramic Sculpture by El Anatsui, Faculty of Art and Design Gallery, Cornwall College, Redruth, Gawu, Oriel Mostyn Gallery, Llandudno, Wales (2003); Gli, Rice University Art Gallery, Houston (2010); A Fateful Journey, National Museum of Ethnology, Osaka und The Museum of Modern Art, Hayama (2010); Gravity and Grace: Monumental Works by El Anatsui, Akron Museum of Art, Brooklyn Museum, Des Moines Art Center, Bass Museum of Art und Museum of Contemporary Art San Diego (2012‒2015) sowie weitere Ausstellungen in Museen, Galerien und Stiftungen. 

Für die Teilnahme an Gruppenausstellungen und internationalen Biennalen sind die Biennale von Venedig (1990 und 2007) zu nennen, die 5. Biennale von Havanna (1994), die 1. Biennale von Johannesburg (1995) und die Biennalen von Dakar (2000), Liverpool (2002), Gwangju (2004) und Marrakesch (2016) sowie die 9. Skulpturen-Biennale von Osaka (1998) und La Triennale, Paris (2012).  

Installationen im öffentlichen Raum hat El Anatsui mit seiner Auftragsarbeit Broken Bridge für La Triennale, Paris, geschaffen, für das Museé Galiera, 2012; ebenso mit Broken Bridge II, 2012-2013, präsentiert von Friends of the High Line, New York, sowie Tsiatsia – Searching for Connection, das 2013 an der Fassade der Royal Academy of Arts in London installiert wurde.

El Anatsui hat viele bedeutende Auszeichnungen erhalten, darunter den Praemium Imperiale (2017), den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk auf der Biennale von Venedig (2015), den Publikumspreis bei der 7. Triennale der Kleinplastik in Fellbach, den Preis des Fernsehsenders Kansai bei der Triennale von Osaka (1995) und Ehrendoktorwürden der Harvard University und der Universität Kapstadt (2016). Er wurde zum Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences (2014) und der Royal Academy of Art (2013) ernannt und gewann unter anderem den Prince Claus Award (2009) und den 30th Anniversary Award des National Museum of African Art der Smithsonian Institution (2009).

El Anatsuis Arbeiten befinden sich in namhaften öffentlichen Sammlungen in Afrika, Asien, Nordamerika und Europa, darunter das Asele Institute Nimo (Nigeria); die African Studies Gallery der University of Nigeria, Nsukka (Nigeria); The British Museum (London); The National Museum of African Art, Smithsonian Institution (Washington, D.C.); das Centre Pompidou (Paris); das Los Angeles County Museum (Los Angeles); das Des Moines Art Center (Iowa); das De Young Museum (San Francisco); das Museum Kunstpalast (Düsseldorf); das Setagaya Museum (Tokyo); die National Gallery of Contemporary Art (Lagos); das Metropolitan Museum of Art (New York); das Museum of Modern Art (New York); das Royal Ontario Museum (Toronto); die Tate (London); das Nelson-Atkins Museum (Kansas City); das Iwalewa-Haus der Universität Bayreuth; das Jordan National Museum (Amman); das Leeum Samsung Museum (Seoul); das Brooklyn Museum (New York); The Broad (Los Angeles); das Indianapolis Museum of Art (Indianapolis); das Museum of Fine Arts (Boston); das Guggenheim Museum (Abu Dhabi) und das Saint Louis Art Museum (Saint Louis). 

El Anatsui lebt und arbeitet in Lagos und Nsukka, Nigeria.

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