04.03.2020

von B° RB

Shifting Perspectives

Franz Erhard Walther im Haus der Kunst München, Ostflügel: Shifting Perspectives vom 6.3. bis 2.8.2020

Franz Erhard Walther: Gelbe Skulptur, 1969/79, Baumwollstoff, Holz, 305 x 800 x 60 cm, 16-teilig. Franz Erhard Walther Foundation

Franz Erhard Walther (geb. 1939 in Fulda) ist eine Schlüsselfigur der konzeptuellen Abkehr vom Bild in den europäischen Nachkriegsavantgarden und Wegbereiter für einen offenen Werkbegriff. Unter Einbeziehung des Publikums als Akteur und der Verwendung der Elemente von Ort, Zeit, Raum, Körper oder Sprache führte er eine radikale Erweiterung und Verknüpfung bildkünstlerischer Mittel herbei, die auf die Revision der Erzählstrategien der Moderne zielt. 

Fakten
Franz Erhard Walther: Shifting Perspectives

6.3. - 2.8.2020

Ostflügel, Haus der Kunst München

Kuratiert von Jana Baumann

Die visionäre Tragweite seines künstlerischen Entwurfs wird einer breiten Öffentlichkeit erst heute bewusst, wie die Verleihung des Goldenen Löwen an der Biennale von Venedig 2017 zeigte.

In dem von größter Experimentierfreude geprägten und bereits in den 1950er-Jahren einsetzenden Frühwerk verleiht Walther einer schier unerschöpflichen Vielzahl von Bildbegriffen und ersten Werkideen zum Prozessualen Gestalt. Die Stofflichkeit stellt Walther mit Materialprozessen wie unter Verwendung von Kaffee, Pflanzenöl oder Sojasoße auf Papier als Bildträger infrage. Mittels seriell arrangierter Packpapierpackungen oder Luftkisseneinschlüssen vollzieht er die Umwandlung des Bildes in ein Objekt.

Die ersten Wortbilder wie museum, ich bin draußen, SAMMLUNG oder NEW YORK formulieren noch während seiner Ausbildung zum Typografen bereits eine Kritik am Kunstsystem von scharfsinnigem Weitblick. Im Studium an der Düsseldorfer Akademie suchte er zeitgleich zur ausklingenden Nachkriegsmalerei des Informel im Formlosen die Form und entdeckte in der Geste die Handlung. 

Mit dem 1. Werksatz und der Hinwendung zum Nähen erlebt das Konzept der Partizipation zwischen 1963-69 seinen Durchbruch, und erreicht mit dessen Aufführung in der historischen Gruppenausstellung “Spaces” im MoMA 1967 – neben Künstlern wie Michael Asher, Lary Bell, Dan Flavin und Robert Morris – seinen ersten Höhepunkt. Walther rückte das menschliche Maß und den Menschen in den Mittelpunkt seines Schaffens, die Interaktion mit der Umgebung, der Architektur und Geschichte.

Die zusehends farbiger und leuchtender werdenden textilen Materialien dienen ihm über sein gesamtes Schaffen hinweg der Entwicklung verschiedenster Werkgruppen, die immer auch um eine stete Erweiterung des Bildbegriffs kreisen. 

Auch wenn Walther Andy Warhol mehrfach in New York begegnete, seine Kommilitonen Gerhard Richter und Sigmar Polke sich gleichermaßen mit der sich kommerzialisierenden bürgerlichen Gesellschaft befassten, hat Walther sich wie der Kollege Blinky Palermo nicht zu gegenständlichen Bildfindungen verleiten lassen. Die intensiven Farben der Pop-Art aber bestimmen sein durchaus malerisch geprägtes Werk bis heute, schuf er doch durchweg Gegenbilder zum traditionellen Bild.

Die Retrospektive im Haus der Kunst zeichnet die bis heute ungebrochen in die Kunstszene ausstrahlende Werkentwicklung anhand von über 250 Arbeiten aus den zentralen Schaffensphasen und den wichtigsten Werkgruppen nach. Die unterschiedlichen Entwicklungslinien im Œuvre Walthers werden umfassend mit Werkaktivierungen präsentiert, so dass eine erweiterte Lesart seines künstlerischen Wirkens möglich wird. 

Passend zum Thema

Im Alten Rathaus Bamberg endet am 3. November 2019 die viel beachtete Ausstellung "transluzent"

Dauerausstellung: Kunst und Kultur vom 16. bis 18. Jahrhundert im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Ausstellung Gudrun Elischer "Meine Lieblingsfarbe ist bunt" in der Stadtbücherei Forchheim. 18.07.2019 – 08.10.19

Mehr aus der Rubrik

Haus der Kunst München: Kapsel 11 - Sung Tieu. Zugzwang. Kapsel 12 - Monira Al Qadiri. Holy Quarter. Vom 31.1. bis 21.6.2020. Südgalerie. Kuratiert von Damian Lentini (Kapsel 11) und Jana Baumann (Kapsel 12)

Sammlung Goetz im Haus der Kunst München. Ehemaliger Luftschutzkeller. Dauer: 31.1. bis 28.6.2020. Kuratiert von Jana Baumann

Cyrill Lachauer. I am not sea, I am not land. Sammlung Goetz im Haus der Kunst München, Ehemaliger Luftschutzkeller. Dauer: 24.7.2020 – 10.1.2021. Kuratiert von Cornelia Gockel und Susanne Touw

Teilen: