06.12.2019

von B° RB

Ich sehe was, was in mir ist

Die Biografie "Exil im Wahn" über den Schriftsteller Oskar Panizza liest sich wie ein Krimi. Im Zusammenspiel mit dem Lesebuch kommt man aus dem Staunen und Kopfschütteln nicht heraus, denn viele der Erzählungen und Essays sind auch heute noch brandaktuell

Oskar Panizza: Biografie "Exil im Wahn"

Oskar Panizza: Lesebuch

Um nichts weniger als die Ehrenrettung eines zu Lebzeiten verfolgten und letztlich zerstörten Schriftstellers geht es in der neu aufgelegten Biografie "Exil im Wahn" des Literaturwissenschaftlers Dr. Michael Bauer. Oskar Panizza, ein "Poet, der umsunst gelebt" hat, solle wenigstens postum, zum Anlass seines 100. Todestages im Jahr 2021, in den Fokus einer breiteren Leserschaft gerückt werden. 

Fakten
Oskar Panizza: Eine Biografie
Michael Bauer

Umfassende Darstellung von Leben und Werk des zu Unrecht vergessenen bayerischen Schriftstellers Oskar Panizza (1853–1921)

ISBN: 978-3-96233-105-4

Oskar Panizza: Ein Lesebuch.
Bauer, Michael, Gerstacker, Christine (Hg.)

Das erste Lesebuch zu Oskar Panizza mit bisher unveröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und literarischen Texten

ISBN: 978-3-96233-106-1

Helfen sollen hierbei die erwähnte Biografie sowie eine ebenso im Allitera Verlag erschienene Anthologie mit teils bislang unveröffentlichten Texten, Zeichnungen und Fotografien. Die Erzählung "Menschenfabrik" ist erst kürzlich gesondert im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.  

"Der vernünftigste Mensch auf der Erde"

Ohne Zweifel: Oskar Panizza, aus vermögender, aber "belasteter Familie", der von 1853 bis 1921 lebte, war kein einfacher Zeitgenosse, weder charakterlich, noch literarisch. Wobei der Künstler in dieser Angelegenheit auch keinen Trennstrich ziehen wollte. Das Schreiben sei ihm eine "Rettung vor der Dissoziation der Gedanken" - immer sollte das Selbsterlebte den Nährboden für das eigene, künstlerische Schaffen bereiten. Man nannte ihn den "literarischen Amokläufer" (Der Spiegel), einen "abenteuerlichen Kampfhahn" (Karl Kraus) oder den "vernünftigsten Menschen auf der Erde" (Frank Wedekind). Er bekämpfte in seinen Schriften Wilhelm II., die bayerische Monarchie, den Papst, seine pietistische Mutter und die Verlogenheit der Gesellschaft in Bezug auf die Sexualmoral. Seine Himmels-Tragödie "Das Liebeskonzil" brachte ihn vor Gericht und schließlich für ein Jahr ins Gefängnis. Danach sei Panizza ein "gebrochener Mann" gewesen. 

"Das Denken ist immer eine schlimme Sache"

Der Vorkämpfer für eine freie, moderne Literatur fand in der Folge so richtig keine Heimat mehr, nicht einmal bei seinen Weggefährten und Kollegen der Münchner Moderne. Er flüchtete nach Zürich, wurde dort angeblich wegen des Verkehrs mit einer minderjährigen Prostituierten ausgewiesen, fand nur kurz "Ruhe" in Paris und musste schließlich staaten- und mittellos nach Deutschland zurückkehren.

Dämmerungszustände und Luftsingen

Waren es Stimmen, die er hörte oder war dieses "Luftsingen" die Ankündigung der Häscher, die ihn fassen und einsperren wollten? Die Dämmerungszustände, die Depression, die Menschenscheu nahmen zu: Längst ist Panizza bereit, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Als studierter Mediziner und Psychiater verfasst er selbst eine Lebensbeschreibung, die bald schon gegen ihn verwendet wird. So richtig ist bis heute nicht klar, welche geheimen Kräfte da im Hintergrund zusammenwirken. Fakt ist, dass Oskar Panizza 1904 in einem Sanatorium in Donndorf verschwindet und später, von der eigenen Familie entmündigt, seine letzten Jahre im Kurhaus Mainschloß in Bayreuth verbringen muss.     

Basis für künftige Panizza-Rezeptionen    

Die Biografie liest sich wie ein Krimi. Im Zusammenspiel mit dem Lesebuch kommt man aus dem Staunen und Kopfschütteln nicht heraus, denn viele der Erzählungen und Essays sind noch immer brandaktuell, so unter anderem die Themen, die Papst, katholische Kirche und kleinbürgerliches Spießertum behandeln. Michael Bauers großes Verdienst ist es, eine fundierte, äußerst spannend zu lesende Basis für künftige Panizza-Rezeptionen geschaffen zu haben, so wenigstens darf doch gehofft werden. Denn der Dichter, der nach eigenen Aussagen "umsunst gelebt" hat, verdient es, gelesen zu werden und darf nicht in Vergessenheit geraten.

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